
Es war schon März.Eine Ewigkeit schien vergangen und doch war es so, als ob es doch erst gestern gewesen wäre. Felix war nicht mehr da. Kein Wunder war geschehen. Die Trauer um ihn dauerte an. Armer Tommy ... warum konntest du uns keinen Trost spenden?! Deine Bemühungen endeten mit automatischem Streicheln und weckten die Erinnerungen der letzte zehn Jahre. Felix! Nein, eine kleine Mieze würde zu große Ansprüche stellen. Sie bräuchte viel Liebe, Geborgenheit und Aufmerksamkeit. Ich konnte ihr das nicht geben. Der Weg zum Tierheim: Was wollte ich dort? Wollte ich Felix finden? ... Es gibt keinen zweiten Felix. In der ersten Käfigbox versteckte sich eine weißrote junge Katze, daneben ein schwarzweißes kleines Kätzchen, das teilnahmslos da lag. Es ging mir nahe, aber es berührte mich nicht. Erwartete ich doch irgendwo hier Felix zu finden? Dann sah ich ihn! Ein großer, abgemagerter grauer Kater. Langhaar - davon aber war kaum etwas zu sehen. Das ganze Haarkleid war mit vielen verfilzten Knoten übersäht. Es schmerzte mich, dass so ein kluges Gesicht, erfahrenen, mit sehr offenen Augen, zu so einem geschundenen Körper gehörte. Aber ich wusste es instinktiv! Das war er! Er oder keiner!
Ich konnte ihn erst am nächsten Tag mitnehmen - Er musste bis auf die Haut geschoren werden wegen der Verfilzung. Ein Fundkater, ca. 8 Jahre alt, scheinbar eine Maine Coone Mischung, lag dann auf dem Beifahrersitz auf dem Schoß meiner Tochter. Schwanz und Mähne waren noch behaart, und er hörte nicht auf Köpchen zu geben. Immer und immer wieder. Sein geschorener Körper mit den herausstechenden Knochen war in einen dicken rostbraunen Pullover gewickelt, den er bis zum Ende behalten durfte. Schon hier bekam er seinen Namen: Skyly!
Skyly hat sofort unsere Herzen erobert - sogar das Herz von Tommy.
Zuerst war Skyly doch sehr zurückhaltend, so als ob er nicht wusste wie er sich verhalten soll, sich nicht ganz sicher war, sich nicht traute. Manchmal legte er sich in das Katzenklo, blieb dort liegen, so als wollte er Tommy sagen: "Behalte du dein Revier - ich brauche nichts, nur ein wenig essen und trinken." Ich hatte immer Angst, er könnte frieren, wickelte ihn in seinen Wollpulli, streichelte ihn, sprach mit ihm - sein Blick war voll Vertrauen, Liebe, Dankbarkeit. Sehr schnell war hier bei uns auch sein Heim. Nicht einmal Tommy verweigerte ihm das. Sobald es etwas wärmer wurde, stellte ich ihn in den Garten, immer wieder, doch Skyly ging fast sofort langsam aber sehr bestimmt in die Wohnung zurück. Gerne saß er auf dem Schoß oder lag im Bett, nachts schlief er immer öfters bei mir, zwar sehr zurückhaltend, aber er war da, an meiner Seite. Der Sommer kam und es schien ihm gut zu tun.

Das Trinken aus dem kleinem Teich gefiel ihm besonderes gut. Er schaute mich ungläubig an, wenn ich dabei geschimpft habe.
In den heißen Nächten schlief er gerne an der frischen Luft im Gartenstuhl. Tommy auf dem Stuhl daneben.Sein Fell war schon schön gewachsen und er schämte sich nicht mehr. Wenn man das überhaupt böse nennen konnte, so war er nur böse, wenn er gekämmt wurde. Gurren konnte er wie eine Taube.
So viel wie er gefressen hat, hätte er schon sehr dick werden müssen. Das war aber nicht so, er sah zwar viel besser aus, doch er war eher mager geblieben. Eigentlich schon ganz am Anfang war ich mir sicher, dass er sehr krank war. Unser Tierarzt schätzte ihn auf etwa 12 Jahre, er war nieren- und leberkrank und er hatte arthritis. Sein Laufen konnte man hören.
Ab Juni mussten wir immer wieder Antibiotika spritzen lassen, damit es Skyly wieder etwas besser geht. Als er im Hochsommer aus dem Garten verschwand, war ich wie von Sinnen. Ich hatte Angst um Skyly! Überall hatte ich kleine Plakate angebracht und darauf gebeten Skyly zu helfen wieder nach hause zu finden. Zwei Tage später brachte ihn eine Nachbarin, er war plötzlich bei ihr im Garten gewesen. Ins Haus gebracht, ging er wie selbstverständlich in das Bett des Nachbarn. Wir waren glücklich, dass unser Skyly wieder da war.
Im November war Skyly wie von Erdboden verschluckt. Verschwunden. Seit Felix Tod war ich nicht mehr so verzweifelt gewesen wie in dieser Zeit. Nichts half, weder die Suche, noch die WANTED`s, noch mein Heulen. Ich konnte nicht essen, nicht schlafen.
Und dann durch einen Tipp am Telefon erfuhren wir, dass er in einem Haus gesehen wurde. Er saß im 2. Stock auf der Fussmatte vor einer Wohnung. Meine Tochter lief die Treppe herunter und sprach zärtlich-vorwurfsvoll. Ich wusste es gleich - sie hatte Skyly im Arm. Ich weinte. Die Frau, die uns den Tipp gegeben hatte, erzählte uns dass sie Skyly schon zwei Tage lang beobachtet hatte, zuerst in der Tiefgarage, dann im Haus. Wir haben uns mit einem kleinem Geschenk und einem Bild von Skyly bedankt. Erst vor kurzem hat meine Tochter die Frau getroffen - sie fragte nach Skyly.
Skyly hat sich seitdem nicht wieder erholt. Er veränderte sich, sonderte sich sogar ein wenig ab. Die bisherige Antibiotikahilfe wirkte nicht mehr. Es gab Kortison - keine Besserung - Verdacht auf baldige Urämie - und wieder die Angst.
Dann fand ich Skyly auf dem Korb im Bad liegend, eine Beule an der rechten Gesichtshälfte. Der Tierarzt gab wieder Antibiotika. Er meinte, eine Narkose würde Skyly nicht überleben. Es half nicht! Die Beule war am nächsten Tag größer, lag jetzt etwas höher, so dass das rechte Auge fast zu war.
Auch wenn der Tierazt davon ausging, dass Skyly die Narkose nicht überleben würde - einen Versuch war es mir wert. Und ich hatte nichts zu verlieren. Ich hoffte zu gewinnen! Narkose! Ein fauler Zahn, sein einziger, wurde gezogen, am Abend wachte Skyly wieder auf. Er war schwach, er war so schwach!
Es war der 23. Dezember. Kurz vor Weihnachten. Felix Todestag näherte sich - ich wollte kämpfen. Kämpfen um Skylys Leben - ein Kampf um Felix auch!Die Schwellung verschwand nicht, aus dem rechten Auge lief ein wenig Eiter. Skyly war schwach und ich hatte Angst, dass er Schmerzen hatte, obwohl er nicht klagte. Aber ich wusste wie geduldig Skyly war.
Am 24. Dezember, abends, brachte ich Skyly in die Klinik, eingewickelt in seinen rostbraunen Pullover, auf einer weichen Wolldecke. Die Klinik, wo auch Felix seine letzten Tage verbracht hatte. Am 25. hieß es: Er ist zwar schwach, hat aber doch ein wenig gefressen. Die Aufnahmeärztin hatte über die Feiertage Dienst. Ich spürte deutlich ihre Zuneigung und Sorge um Skyly. Am 26. sagte man mir am Telefon, dass keine Hoffnung mehr bestehe. Ich sollte Skyly erlösen!
Auf dem Weg in die Klinik, unterwegs um Skyly zu holen, durchlebte ich noch einmal Felix' quallvollen Tod. Skyly lag da, ganz still, nur die Augen verrieten, dass er mich erkannte. Die junge Tierärztin gab mir zu verstehen, dass es keine Rettung mehr gab. Und doch, ich wollte es versuchen ... und wenn nicht .... Skyly lag bewegungslos auf dem Beifahrersitz, sein Köpfchen konnte ich sehen. Seinen Körper schützte sein Wollpullover. Aus dem rechten Auge lief ein wenig Eiter, aus dem Nasenloch auch. Die Beule war punktiert. Das Gefühl, das ich bei diesem Anblick empfand, kann ich gar nicht beschreiben. Dieser so stolze, würdevolle "alte Herr" lag so hilflos, so Mitleid erregend vor mir.
Gegen Mittag waren wir zuhause. Schon in der Garage hob Skyly sein Köpfchen. Ganz genau beobachtete er den Weg bis zur Wohnung. Dort habe ich ihn im Bad auf der Bodenheizung auf eine weiche Wolldecke gelegt, deckte ihn mit seinem Pulli zu und legte neben ihn die Wärmflasche. Um den Eiter wegzuwischen ging ich um Tempos zu holen. Als ich wieder kam lief Skyly gerade, vor Schwäche torkelnd, zum frisch hingestellten Futter. Mit Abstand beobachtete Tommy die Situation.
Skyly stakste unsicher wie ein neugeborenes Kälbchen zwischen den drei Schüsselchen - Futter, Wasser, Milch - umher. Vier mal nahm er Anlauf - fiel aber jedesmal zwischen den Schüsseln oder davor hin. Sein Blick, seine Körperhaltung, sein Mut und Lebenswillen ließen mich nur noch weinen. Ich habe ihn auch jedes mal wieder auf die Decke gelegt, gestreichelt, geflüstert, ihm den Eiter weggewischt, die Stelle zwischen seinen Öhrchen geküsst, seine Pfötchen gestreichelt und geküsst. Mein tapferer, lieber, geduldiger Skyly!
Ich war mir nicht sicher, ob er Schmerzen hatte, er war ruhig - nur ab und an machte er ein paar unruhige Bewegungen. Es tat mir in der Seele weh, ihn so zu sehen. Ein paar mal habe ich ihm mit einer 2-ml-Spritze verdünnte Milch gegeben. Und als er das vierte mal neben dem Futter umfiel, auch ein wenig Sheba mit der spritze. Es hat ihn angestrengt, er wurde - soweit die Schwäche es zuließ - unruhig. Er atmete schwer, die Zunge hing heraus. Ich ließ ihn in Ruhe. Hätte ich in dem Moment hier die Möglichkeit dazu gehabt, so hätte ich ihn selbst eingeschläfert. Aber schon im nächsten Augenblick wollte ich, dass er lebt. Dachte, vielleicht, ja vielleicht, geht es ihm morgen besser. Vielleicht erholt er sich von den Strapazen der Narkose, der Klinik und von dem Abzess, der nun durch Eiterabfluss doch abklang. Ich machte mich schnell auf den Weg, besorgte Diazepam und gab ihm davon ein paar Tropfen, legte ihn gut zugedeckt im Zimmer auf den Boden, daneben eine Matratze für mich.
So verbrachten wir die Nacht: der Skyly in einem Dämmerzustand, ich schlaflos daneben, immer auf Skyly achtend. Sogar der Tommy kam immer wieder um nach Skyly zu sehen. Am Morgen war ich mir nicht mehr sicher, ob er noch bei Bewußtsein war. Er wirkte komatös, doch ich hoffte immer noch. Nur ein Flattern der Augenlieder hätte gereicht, um doch wieder die kleinste Hoffnung zu schöpfen. Um 8 Uhr rief ich den Tierarzt an. Der Termin stand fest. 10 Uhr! Nun hieß es warten bis der Arzt kam.
Ich hatte Angst vor Skylys Tod. In sein gequältes Herzchen sollte nicht auch noch gestochen werden. Ja, ich hatte Angst. Er lag da und ich neben ihm, die Zeit lief. Ich dachte an Kowalski, war froh, dass ich mir an verschidenen Verhalten der Tierfreunde ein Beispiel nehmen konnte. Das gab mir die Kraft, nicht an meinen Tränen zu ersticken.
Ich dachte an die vielen Katzenliebhaber, die an uns gedacht haben, deren Mitgefühl bei uns war, auch an Katerchen Topsi, der immer einen guten Tipp für Skyly gehabt hatte, ihn sogar bewunderte. Die Menschen und deren Katzen, die ins Forum schauten, um Nachricht über Skylys Zustand zu erhalten, über ganz Deutschland und im deutschprachigen Raum verstreut, aber ihren Blick auf Augsburg gerichtet hatten, auf mich und Skyly. Es gab so viele Menschen, die in Gedanken bei uns waren, die mit uns fühlten und auch traurig waren. So viele Mails, so viele Forumeinträge, alles drehte sich um Skyly. Das gab mir Kraft endlich los zu lassen, mich würdig von Skyly zu verabschieden und ihn gehen zu lassen. So konnte Skyly kurz nach 10 Uhr zuhause einschlafen, auf seinem rostbraunen Pullover liegend. Die zweite, nämlich die Herzspritze hat er nicht mehr gebraucht. Er ist schon in der Narkose eingeschlafen.
So tot wie er da lag, sah Skyly doch schön und würdevoll aus. Bis 17 Uhr nachmittags lag Skyly unter dem Weihnachtsbaum. In der ganzen Wohnung hatte sich eine Athmosphäre verbreitet, die nach Liebe und Ruhe roch. Dann musste ich den Deckel zu seinem Ruhekistchen zu machen.
Skyly bekam seine letzte Ruhe direkt neben Felix. Die Kerzen brannten nun für zwei wundervolle Kater, die sehr geliebt worden waren.


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